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In den vielen Jahren konnten wir schon so manchem Pferd helfen. Besitzer, die den Weg mit ihren Pferden zu uns finden, haben immer sehr gute, sehr sensible, leistungsbereite, ranghohe, oft auch ängstlich und oder aggressive Pferde. Pferde auch, die gelernt haben sich gegen den Menschen zur Wehr zu setzen. Auf der anderen Seite gibt es auch sehr viele Pferde, die still leiden, gebrochen sind, apathisch und ohne Motivation ihre Arbeit verrichten. All diese sogenannten Problempferde sind Tiere, die von Menschen nicht verstanden wurden, die sich mit ihrem angeborenen Verhalten gegen Techniken, die im Umgang mit Pferden weit verbreitet sind, zur Wehr setzen. Sie haben gelernt, unmittelbar auf eine Aktion des Menschen zu reagieren, mit Beissen, Schlagen, Steigen oder Durchgehen. 75 % der Pferde, die den Weg zu uns finden sind im Alter zwischen sechs und neun Jahren. Es ist die Zeit der psychischen Reife. Ein junges Pferd, eine Remonte ist wie ein Kindergartenschüler. Es nimmt neugierig und geduldig die Hilfen der Reiter, Trainer an und versucht sie nach seinem „Verständnis“ umzusetzen. Pferde werden einem Dominanztraining unterzogen, in welchem sie vielfach ungeduldige, inkonsequente Pferdeführer erleben. Dadurch gerät das Pferd immer wieder in Konfliktsituationen und wird ängstlich – aggressiv, es zeigt mit seinem Verhalten, „hör auf“. Von Ratsuchenden hören wir dann: „mein Pferd beisst mich, es ist unausgeglichen, das „blöde Ding“ versteht nicht was es machen soll, es ist gefährlich und unberechenbar. Man habe schon alles ausprobiert, das Pferd hat vermutlich einen Tick im Hirn und ist eben sehr "aussergewöhnlich“. In den meisten Fällen sind die Pferde „selber schuld“, das eigene Verhalten im Umgang mit dem Pferd wird fast nie hinterfragt. Das zeigt die langjährige Erfahrung von hunderten von Mails und Anfragen, in welchen es teilweise nur darum geht, eine Bestätigung der eigenen Meinung zu erhalten. Der Meinung, dass das Pferd einen Schaden hat und am besten zum Schlachter gebracht wird, weil es zu gefährlich ist für die Menschheit. Mit dem unterschwelligen Gedanken: wenn ich als Besitzer schon nicht klar komme, wer dann?
Die Grosszahl der Kunden des Ausbildungszentrums Balance haben die andere Seite kennen gelernt; Pferde die gekauft werden im Alter von fünf, sechs Jahren. Die Zeitschriften sind voll von Verkaufspferden in diesem Alter. Das sind Pferde, die für den Sportbereich ausgebildet wurden, die sich anboten und in kürzester Zeit überfordert wurden, dann nicht die gewünschte Leistung erbrachten und nun zum Verkauf stehen. Pferde, die abgerichtet werden für Verkaufsshows z.B. in Holland, traumhafte Gänge zeigen in der Showarena und dadurch hohe Preise erzielen und gut verkauft werden. Die spanischen Pferde, bei welchen jedes die „Piaffe zeigt“ wie wenn es jeder ausführen könnte, wundervolle Hengste mit noch schöneren Mähnen und Schweifen, aber auch Vollblüter die im Rennsport ausgedient haben. In der heutigen Zeit auch Quarter, die beim genaueren Hinschauen Defizite zeigen bei den Gangarten und vermehrt heiss werden. Eines haben Pferde aus dem Sportbereich gemeinsam, eine aus Angst angespannte Vorwärtsbewegung und die tendenz Reiterhilfen vorweg zu nehmen. Ein guter, feinfühliger Kenner mit Geduld kann aus solchen Pferden viel herausholen. Am gefährlichsten sind die Pferde, die bereits mit zwei, drei Jahren lernen mit den Menschen zu spielen, viel Weichen müssen oder im Rundcorall bis zur Ermüdung rennen ohne einen Nutzen davon zu haben. Viele dieser Pferde sind im Freizeitbereich zu finden, die gelernt haben, dass es Menschen gibt die aus dem Rundcorall flüchten, wenn das Pferd mit angelegten Ohren auf sie zu galoppiert. Die Pferde, die gelernt haben vor lauter Weichen beim Aufsitzen nicht mehr stehen zu bleiben, sondern die Hinterhand im Kreis wegzubewegen. Ohren anlegen beim kleinsten Fingerzeig und den Kopf hoch werfen beim Rückwärtstreten. Gelernt haben dass Drohen dem Menschen imponiert und er damit sein Training beendet.
Alle diese Pferde finden immer wieder Besitzer, vielfach Anfänger, die nur auf die „Schönheit“ der Pferde achten und aus den Emotionen heraus kaufen. Im Sinne von „mir tut das Pferd leid, es zeigt bestimmt ein anderes Verhalten bei mir und ich kann ihm helfen mit viel „Liebe“. Die Realität sieht dann etwas weniger romantisch aus. Man muss sein Pferd dann schon sehr stark „lieben“ über viele, viele Jahre, wenn man den Weg mit ihm gehen will. Es gibt zahlreiche Rückschläge, Tränen und Missverständnisse zwischen Mensch und Pferd und nicht selten kostet es sehr viel Geld. Unterstützung von Aussen zu suchen, immer wieder Ausrüstungsmaterial zu wechseln, alle alternativen Hilfen dem Pferd zukommen zu lassen und so weiter. Kurse und Seminare, Reitstunden, Tierarzt, aber auch Pensionsställe die immer wieder gewechselt werden, weil die Pferde sich schlecht integrieren lassen. Es zerrt an den Nerven, man zweifelt, ob man durchhalten oder nicht doch lieber das Pferd verkaufen soll, macht dann doch wieder weiter, die Jahre vergehen und das Pferd bereitet nicht mehr einfach nur Freude, wie man sich dies doch gewünscht hat. Auch ich habe diese Erfahrungen machen müssen, als Anfänger, der den Worten von „Pferdekennern“ vertraut hat.
Was am schlimmsten ist, man verliert sein Selbstvertrauen, denn alle anderen sind besser als man selbst. Dann kann man nicht mehr Führer sein, man wirkt unsicher, probiert dieses und jenes aus und auch dabei lernt das Pferd etwas; es lernt selber für seine Sicherheit besorgt zu sein, lässt sich nicht mehr führen oder und reiten etc..
Dank meiner eigenen Geschichte kann ich vieles nachvollziehen und kann nachempfinden, wie sich Pferdebesitzer teilweise fühlen. Mein erstes Pferd ist Dolly, eine fünf Jahre alte Quarter Stute, schwarz musste sie sein, alles andere war Nebensache. Gekauft habe ich sie im Alter von fünf Jahren, heute ist sie 26 Jahre alt. Selbst heute noch zeigt sie Anspannung und Angst im Umgang mit Menschen die sie nicht kennt, obwohl sie nie von mir oder meinem Personal geschlagen wurde. Vermehrt tritt dies bei Männern auf, ihr Ausbilder war ein Mann und die Sporenlöcher sind noch immer sichtbar im Schein der Sonne. Es sind Narben der Vergangenheit, die in ihrem Langzeitgedächtnis haften solange sie lebt. Ich kann z.B. nicht mit einem zu forschen Schritt auf Dolly zugehen oder eine schnelle Gestik in ihrer Gegenwart machen. Sie wendet sich sofort ab und zeigt mir mit ihrem Verhalten: „Lasse mich heute besser in Ruhe, du bist nicht ausgeglichen, hattest wohl Ärger!“ Rima, die Tochter von Dolly, interessieren solche Nuancen gar nicht. Sie vertraut mir und weiss aus Gewohnheit, dass ich, sobald ich mich im Stall aufhalte, die Ruhe selber bin, ehrlich und respektvoll mit ihnen umgehe. Rima hat nie schlechte Erfahrungen gemacht und dadurch ein anderes Verhalten gegenüber Menschen entwickelt.
Dolly besitze ich nun seit 21 Jahren. Damals habe ich das x fache der Kaufsumme des Pferdes - und sie war nicht billig - in Ausbildner, Trainer, Ausrüstungen, Tierärzte etc. investiert. Bis ich eines Tages sagte: „fertig!“. Ich muss lernen, das Pferdeverhalten zu verstehen. Das Pferd muss lernen mir zu vertrauen, ich muss ihm Sicherheit vermitteln, der Weg, ICH, muss mich ändern! Das war kein einfacher Weg. Ich war als Personalverantwortliche tätig und Geduld war keine meiner grossen Stärken. Ziele, die ich in einer bestimmten Zeit erreichen wollte, musste ich verschieben. Als Turnierpferd gekauft, wollte ich Turnierreiten und Erfolge erzielen. Dies bedeutete vollgestopft mit Terminen auch noch das Pferd managen, alles unter einen Hut bringen und jeden Tag das Pferd bewegen. Es gab viele gefährliche Situationen im Umgang mit meinem Pferd. Mein schwerster Reitunfall hat mich fast mein eigenes und das Leben des Pferdes gekostet; einfach nur, weil ich zu gestresst war. Mit meinem damaligen Lebensgefährten hatte ich eine Auseinandersetzung und musste „noch schnell reiten gehen“. Da ich noch in Gedanken war, bei der heftigen Meinungsverschiedenheit, vergass ich, den Sattelgurt nachzugurten, rutschte beim Galoppieren der Sattel unter das Pferd und ich lag auf dem Boden. Dolly geriet in Panik, nahm nichts mehr wahr, sprang über die Reitplatzumzäunung und galoppierte panikartig bis sie bei einer Hauptstrasse vor einem Zaun ausrutschte, hinfiel und im Schock starr liegen blieb. Als ich endlich beim Pferd angekommen war, rief mir ein Bauer zu, sie sei vermutlich tot. Ich weiss es noch wie wenn es gestern gewesen wäre. Eine Minute nach dem Unfall kam der Schulbus angefahren. Nicht auszudenken was hätte passieren können, die Verantwortung die ich getragen hätte, mein Leben lang, wenn den Kindern etwas passiert wäre, in dem Dorf, in dem ich lebte... Als ich bei Dolly angekommen war, löste ich den Sattelgurt oben auf dem Rücken und zog den Sattel weg. Ich sprach sie an und sie hob leicht den Kopf. Ich motivierte sie zum Aufstehen und wir liefen zum Stall. Der Tierarzt untersuchte Dolly, diagnostizierte leichte Prellungen bei den Gelenken und riet mir, sie zu verkaufen. Mein Ausbildner meinte, sie sei gefährlich, ich solle Dolly einschläfern, verkaufen. Mein Hausarzt, der mich nach dem Sturz untersuchte, erklärte mir, dass ich knapp einem Genickbruch entgangen sei, Reiten sei viel zu gefährlich ich solle es mir gut überlegen, ob ich weitermachen möchte. Immer wieder versicherte ich allen, dass es einzig und alleine meine Schuld war, ich nicht nachgegurtet hatte, fahrlässig gehandelt habe. Dolly war nie ein einfaches Pferd, wurde heiss im Galopp und man brachte sie lange Zeit nicht mehr in den ruhigen Schritt. Ja nicht, an die Sporenlöcher kommen, sonst vergass sie sich völlig und geriet in Panik. Die einzige Lebensversicherung war das Wort „Woha“, dann stoppte sie so stark und tief, dass es für die Gelenke auf Dauer nicht von Vorteil war.
Heute weiss ich, wie naiv ich vor 21 Jahren war. Mein erstes Pferd sollte, wie schon erwähnt, einfach kohlrabenschwarz sein, wie die Nacht, alles andere habe ich und wollte ich übersehen. Die Schwierigkeiten beim Vorreiten der Verkäuferin, die Panik beim Longieren als das Seil kurzzeitig das Fesselgelenk berührte. Beim ersten Aufsitzen war ein ruhiger Schritt unmöglich, das Pferd ist nur gezackelt. Egal, eine Nacht überschlafen und ich habe zugesagt. Ich kriege es hin. X Mal wollte ich Dolly wieder verkaufen und dann tat sie mir wieder leid. Ich musste es einfach schaffen, egal wie lange es dauern würde, ich wollte zeigen, dass Dolly Turniere gehen kann. Sechs Jahre später habe ich das Ziel erreicht: Mein Turnier auf der Wickinger Ranch, nicht als Reining Pferd sondern ein Pleasure sollte es sein. Damit habe ich die Gewohnheiten für das Pferd durchbrochen und ihr Vertrauen gewonnen. Fast jeder Trainer in der Schweiz und zwei in Deutschland kannten Dolly und viele kamen auf mich zu: „Ist es immer noch das gleiche Pferd oder hast du ein Neues?“ Dollys Verhalten war einfach anders und sie hatte einen anderen Ausdruck. Ich habe es mir bewiesen und es blieb für mich bei diesem einen Turnier mit Dolly, wir kamen ins Final.
Weitere Schicksalsschläge folgten während meiner Schwangerschaft mit unserem damals sieben Jahre alten Hengst, der in Deutschland bei einem Ausbilder / Richter stand. Jack erlitt am 1. August 1999 einen Schädelbruch im Training. Dieses Datum, unser Schweizer Nationalfeiertag, erinnert mich immer wieder an Jack. Im Oktober 1999, nach vielen Versuchen mit Tierärzten etc. musste er aufgrund seiner Verletzungen eingeschläfert werden. Ich brauchte drei Jahre, bis ich nachweisen konnte und die Gewissheit bekommen hatte vom damaligen Co Trainer, was wirklich passiert war: Tierschutzwidriger Trainingsunfall. Das hat mein Leben verändert.
Ich hatte ein so schlechtes Gewissen meinem verstorbenen Pferd „Jack“ gegenüber, weil ich nicht den Mut gehabt habe "Stop" zu sagen. Meine Kenntnisse in Tierpsychologie haben mir damals nicht geholfen. Weil ich dachte, ich sei kein Ausbilder, hätte zuwenig Erfahrung und nur auf mein Gespür hin ein Pferd aus dem Training zu nehmen, geht ja gar nicht. Damals habe ich viel zu viel darauf geachtet was die Meinung anderer Leute war. HB Hollywood Gay Bar „Jack“ wäre auf mich angewiesen gewesen und ich wollte es nicht wahr haben, habe die Verantwortung nicht übernommen. 2001 habe ich das Ausbildungszentrum Balance gegründet und mich stetig weitergebildet. Jack konnte ich zwar nicht mehr helfen! Mit der Weitergabe meines fundierten Wissens und Erfahrung, kann ich heute viele Pferdebesitzer unterstützen. Das gezeigte Verhalten der Pferde, deren Körpersignale zu lesen, zu respektieren und die Verantwortung für sein Pferd zu übernehmen. Auch mal bereit ist, nicht zu reiten, wenn man merkt, dass man einen schlechten Tag und seine Agression, Aerger nicht unter Kontrolle hat.
Zufall oder Schicksal? Rima, geboren im Jahre 1999, die Tochter von Dolly und meinem damaligen Hengst Jack, erhielt die Grundausbildung, das Anreiten von mir selbst. Ihr Körperbau im Alter von fünf Jahren veränderte sich und aufgrund ihrer Rückenmuskulatur war es schwierig, einen passenden Sattel zu finden. Ich hatte das Gefühl der aktuelle Sattel rutsche und lies einen Sattelchecker kommen. Dieser meinte, es passe alles. Als ich am darauf folgenden Sonntag Rima sattelte und galoppierte, wollte ich sie nochmals kurz korrigieren und plötzlich sah ich vor mir keinen Pferdekopf mehr. Rima blieb ruhig und doch ging alles blitzschnell: der Sattel rutschte auf die Seite und ich flog einmal mehr zu Boden. Als ich hochschaute sah ich wie Rima ruhig die Volte zu Ende galoppierte, unter ihr der verrutschte Sattel. Mein Kollege schaute nach mir, ich sagte ihm ich sei in Ordnung und er solle sich um Rima kümmern. Mir tat das Steissbein weh, doch ich stand sofort auf und rief ihren Namen. Sie blieb nach wenigen Metern stehen und schaute mich an. Ich ging auf Rima zu, welche da stand als wäre nichts gewesen, kein Zittern, keine Aufregung, nichts. Rima hatte nie Ausbinder kennen gelernt, keine Sporenlöcher oder Abschürfung von Haut etc. erlitten, sie lernte alles über Vertrauen, sowohl Hilfen anzunehmen als auch stimmlichen Kommandos nachzukommen. Dadurch war ihr Verhalten, auch in dieser ungewöhnlichen Situation, ein ganz anderes als damals im Jahre 1989 dasjenige von Dolly. Ich ritt Rima anschliessend nochmals im Schritt ein paar Minuten. Ich war dankbar, dass Rima so cool blieb und einmal mehr bin ich absolut überzeugt, die Psyche des Pferdes gekoppelt mit der Lernpsychologie - das ist mein Weg. Bis heute liebe ich meine Berufung und hoffe, dass ich noch vielen Menschen, auch im Sportbereich, und deren Pferden helfen darf und kann.
Meine eigenen Pferde, die vielen Therapie- und Trainingspferde haben mich eines gelehrt: Geduld zu haben. Die Lernpsychologie wird seit dem Jahre 2001 ausnahmslos bei allen Pferden im Ausbildungszentrum Balance, bei Kursen und Beratungen, eingesetzt und vermittelt. Gearbeitet wird mittels positiven Verstärkern. Schlagen, Schreien, Hilfszügel und scharfe Gebisse haben bei uns im Stall seit 1999 ausgedient und versperren keinen Platz, wurden ausnahmslos eliminiert. Ich kann nicht sagen, dass ich dankbar bin, dies alles durchgemacht zu haben. Es waren viele, viele Stunden der Verzweiflung, der Tränen. Alle Pferde, mit denen ich arbeiten darf und durfte waren und sind meine besten Lehrmeister, ihnen gilt mein Dank. Die Ehrlichkeit, im Hier und Jetzt zu reagieren, zu beobachten, Lernmethoden zu kombinieren, zu erkennen, was mir das Pferd mit seiner Körpersprache, seinen Signale zeigt, dies alles habe ich von den Pferden gelernt und gebe dieses Wissen gerne an interessierte und hilfesuchende Menschen weiter...
Ihre Daniela Bühler
>> Einen Einblick in meine Arbeit mit einem "Problempferd" (pdf, 225kb)
>> Bericht "Favorita" (pdf, 96kb) |